Nen scheiss muss ich ?

Während meines alljährlichen „Du-bis-noch-nicht gut-genug-schau-Dir-XXX-an-wie gut-der-oder-die-das-hinkriegt-und-ne-Menge-mehr-Kohle-damit-verdient…“-Selbstoptierungs-Wahn-Anfall fällt mir ein Buch in die Hand, das ich mir mal vor Jahren bei Amazon bestellt habe, um es gleich und ungelesen in mein Bücherregal zu schmeißen. Neben die anderen Bücher, die da heißen: „Nichtrauchen ohne Zunehmen“, „Endlich frei“, „Nein sagen will gelernt sein“ und „Bitte klopfen, Anleitung zur emotionalen Selbsthilfe (kein Scherz!)“.

Ich blättere in dem Buch auf der Suche nach etwas Ablenkung und lese folgenden Absatz:
„Suchst Du immer noch im außen und kannst das suchen nicht lassen? Vielleicht bringt ja der nächste Workshop die Lösung oder die neue Technik, von der Du gehört hast“.
Also hörnsemal, lieber Eckhart Tolle (Der Autor des Buches*): Ich bin ausgebildeter zertifizierter (ja, zertifiziert ist mir SEHR wichtig, obwohl es nur heißt, das ich anwesend war) Therapeut und Coach. Und Supervisor, und Fortbildungspädagoge und ich plane noch eine weitere Ausbildung zum…

Ich lese weiter: „Dir würde ich raten: Suche keinen Frieden. Gib Dich mit dem Zustand zufrieden, in dem Du Dich gerade befindest, statt einen anderen herbeizuführen, sonst sind innere Konflikte und unbewusster Widerstand vorprogrammiert. In dem Augenblick, in dem Du Deinen Unfrieden rückhaltlos akzeptierst, wird er sich in Frieden verwandeln. Alles, was Du voll und ganz akzeptierst, wird sich in Frieden verwandeln, wird dich hinführen, wird dir zum Frieden verhelfen. Das ist das Wunder der vollkommenden Hingabe. Wenn Du das annimmst, was ist, ist jeder Augenblick der Beste….“

Nein, lieber Herr Tolle, das betrifft MICH natürlich überhaupt nicht. Das „Hier und Jetzt“ ist überbewertet, und zudem ziemlich langweilig…. finde ich.
Aber irgendwie lässt es mich nicht los. Ich kaufe mir ein Achtsamkeitsbuch, ein 8 Wochen Programm „zur Selbstbefreiung von Depressionen und emotionalem Stress**“. Ich muss hier betonen, ich kaufe das natürlich nur, um mich für meine Klienten weiterzubilden, mit mir hat das nichts zu tun .

Ich mache die ersten Übungen: Beobachten Sie alle Gedanken in sich, in denen Sie in der Widerstand gehen, also die Gedanken, in denen Sie die Dinge anders haben wollen als sie im Moment sind….

Meine Birne rastet komplett aus:
Ich will nicht, dass meine Mutter krank ist und an Alzheimer sterben wird!!!!!!
Ich will nicht immer so wütend sein. Ich weiß nicht wo die Wut herkommt und es macht mir Angst!!!!Ich will beruflich nicht in der Situation sein, in der ich gerade bin! Ich will mehr verdienen, weniger arbeiten!!!!!
Und ich will nicht Single sein. Ich will teilen, mit einen Partner und knutschen und Kuchen backen!!!

Ich begreife langsam (und ich meine SEHR langsam), dass es nicht die (unschönen) Tatsachen in meinem Leben an sich sind, die mich kirre werden lassen, sondern der Widerstand dagegen, der mich grübeln, nicht schlafen lässt und meine tägliche Traurigkeit und Wut auslöst.

Denn die Dinge sind, wie sie sind, daran glaube ich. Und ich weiß, dass erfolgreiche (und was ist schon erfolgreich…) Menschen genau so viel Schleiß am Laufen haben wie ich. Aber Sie gehen nicht zu sehr in den Widerstand gegen das, was ist.
In einer meiner zahlreichen Ausbildungen (ich denke übrigens, nur wenn ich mich Tag und Nacht weiterbilde, bin ich ein guter Therapeut, fragen Sie nicht, wie teuer und anstrengend das ist) habe ich in meiner Akzeptanz- und Committment Therapie (ACT***)-Weiterbildung folgendes gelernt

Die Erfinder sprechen von Clean Pain und von Dirty Pain.
Clean Pain ist der Mist, der uns allen täglich passiert. Knöllchen am Auto, keinen hochgekriegt, schon wieder krank, Lover weg (mit einem anderen natürlich, Du Sau), die Liste ist lang….

Dirty Pain sind unsere Reaktionen darauf, die als Konstrukte in allen von uns verankert sind: „Das passiert MIR immer, war ja klar, nie wird das klappen! Ich bleibe immer Single (sogenannte Generalisierungen), der nächste wird mich auch abschießen“. Dieser Dirty Pain ist es, der uns zu schaffen macht, und uns täglich neu innerlich die Hölle heiß kocht.

Das bedeutet, mit unseren negativen „Selbstkonstruktionen“ (sog. Introjekte, Prägungen oder Glaubenssätze) laden wir uns (selbstinitiiert) jeden Tag neu voll auf mit Negativ-Energie. Das Ereignis selbst (Verlust, mit dem Kopf über den Fahrradlenker) selbst bringt an sich erst mal keine Negativ -Energie, außer dem körperlichen Schmerz des Moments.
Mal abgesehen davon, wie sexy es für einen zukünftigen Lover ist, wenn man ihn schon beim ersten Date zuschwafelt mit: „Alle Männer sind Verbrecher, ich kann übrigens niemandem mehr trauen… und Dir erst recht nicht, Du siehst aus, als kämest du gerade aus der Bums-Sauna…..)“.

Ich übe weiter, acht Wochen lang, jeden Tag Gedanken beobachten, unterscheiden zwischen der Realität und meinen „Horror Gedanken“, die übrigens zu 80 Prozent nicht der Realität entsprechen und glatte „Lügen“ über mich sind. Langsam kann ich die Täuschungen erkennen, die meine negativen Prägungen in mir auslösen.
Denn das Gefühl, so erfahre ich, was gerade IST, ist echt.

Die Gedanken, die dann folgen, sind eine Lüge, ein völlig absurder Hirn-Ausschuss, projiziert in die Zukunft, die noch gar nicht da ist. Ich bin nämlich kein Hellseher, ich male mir nur gern die Zukunft schwarz. Oder die Vergangenheit, je nachdem wie scheiße ich gerade drauf bin.

Ich lerne, das zu akzeptieren, was ist, in all seiner Konsequenz. Und ich spüre, dass langsam, sehr langsam, etwas Ruhe einkehrt, ich nicht mehr so wütend und traurig bin über Dinge, die eh geschehen, und auf die ich keine Kontrolle ausüben kann.
Meine Gefühle bleiben. Trauer über meine Mutter. Meine ständige innere Müdigkeit, weil ich mich überlaste, und auch meine Wut. Aber ich schaue mir meine „Monster“ jetzt an, spüre in sie hinein. Ich weine viel und hab meinen Staubsauger schon zweimal gegen die Wand geknallt. Aber dann lasse ich die Gefühle auch wieder ziehen. Und sie ziehen wirklich vorbei, wenn ich mich nicht daran klammere wie ein neurotisches, unbefriedigtes Huhn.

Und das Hier und Jetzt schenkt mir seit neustem auch ein paar schöne Ereignisse, die ich vorher komplett übersehen und überfühlt habe. Mit einem von diesem Ereignis habe ich gestern Kuchen gebacken und dann geknutscht. Und das war echt schön….

Quellen:
Eckhard Tolle , Leben im Jetzt, Kamphausen Verlag
** Das MBCT-Arbeitsbuch: Ein 8-Wochen-Programm zur Selbstbefreiung von Depressionen und emotionalem Stress – Inklusive MP3-CD mit Achtsamkeitsübungen – Arbor Verlag
*** Das Leben annehmen: So hilft die Akzeptanz– und Commitment–Therapie (ACT)

 

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