Mein iPhone und ich

Sie denken, uns Therapeuten und Coaches geht es immer gut. Das wir alle unsere Methoden ans uns selbst erfolgreich anwenden und dann abends sanft und sorgenfrei einschlummern? Da liegen sie falsch!

Manchmal fühl ich mich wie mein olles 6er iPhone. Komplett glatte Oberfläche, verpackt in einer Hartschale, wasserspitzgeschützt. Panzerglas auf die Frontseite geklebt, bloß keine sichtbaren Kratzer, was sollen denn die anderen denken.

Kleinere „Reparaturen“ vorgenommen, um die Oberfläche ansehnlich zu halten. Innen 80 Apps, die mich interessant, selbstoptimiert, unterhaltsam, sozial bestens vernetzt und dazu noch moralisch-meditativ erscheinen lassen. Wer mein iphone mal auf der Straße findet, weil ich es im täglichen Wahn wieder verliere, wird denken, der Besitzer steht mitten im Leben.

Stimmt nur zur Hälfte. An mir kann man sehr leicht abrutschen. Und zu meinem Glück – oder meinem Pech – ich weiß es ehrlich nicht, bin ich Passwort-geschützt. Seit neustem mit Sonderzeichen, die ich vergessen habe, aufzuschreiben – und die mir oft den Zugang zu mir selbst versperren.

Nee, so schnell kommt keiner an mich ran. An meine 600 gespeicherten Bilder zwischen Leidenschaft, Billigurlaub, Hoffnung, Leid und fast 50 Jahren teils unbelebtem und ungeliebtem Lebens.

Manchmal zeige ich ein paar Bilder. Mit Freunden beim Feiern, Karussell-Fahren und harmlose, Photoshop-bearbeitete Bilder am Strand. So Instagram-Kacke, wo alles hübsch und doof aussieht.

Doch da sind auch die anderen Bilder… Freunde, die mich verlassen haben. Geliebte und gehasste Menschen, die gestorben sind. Meine schwerkranke Mutter, die Alzheimer hat und nie wieder gesund wird. Sie weint und weint und weint. Und ich krieg diese Bilder nicht gelöscht. Wenn ich löschen drücke, landen sie im „Gelöscht“-Ordner, wenn ich dort auf das Mülleimer-Symbol tippe, sind sie irgendwo noch in meiner Schleiß-iCloud.
Ich bin ein kompletter Technik-Looser. Und ich kann mich schwer von alten Bildern lösen. Einige meiner Freunde machen 2 Klicks auf ihren Smartphones, und die schmerzhaften Bilder sind für immer verschwunden – das bilde ich mir zumindest ein. Das macht mich sehr neidisch. Sie haben neuen freien Speicherplatz.

Was auch kaum jemand sieht auf den ersten Blick: Mein Akku ist oft leer, so leer, dass ich kaum mein Betriebssystem aufrechterhalten kann. Ich kann mich schlecht aufladen, keine Ahnung warum, liegt wohl daran, dass ich ein älteres Modell bin. Oft kriege ich keine Verbindung zum „Netz“, fühle mich vollgemüllt mit Daten, die keiner braucht. Oft ist meine Festplatte einfach voll. „Unable to reset“.

Dann stelle ich mich einfach aus. Hoffe auf einen Neustart, der alles besser macht.

Doch da sind sie dann wieder, die alten Bilder, Erinnerungen zwischen Leid und Liebe, Hoffnung und Traurigkeit.
Irgendjemand Schlaues hat mal gesagt: Alles, was nicht weggeht, muss integriert werden. Die Versuchung ist groß, mir einfach ein neueres Modell zuzulegen und das alte Handy einfach in die Ecke zu schmeißen. Doch bei meinem Glück wird sich in irgendeiner Schleiß-iCloud, Drop Box, Amazon Prime-Cloud wieder alles im Hintergrund (tolles Wort) synchronisieren.

Ich glaube, seine inneren Bilder wird man schlecht los. Besonders die schmerzhaften. Man kann Sie in andere Ordner „verschieben“, damit sie erst mal weg sind und nicht so weh tun. Doch sie kommen wieder, bis man Frieden mit Ihnen geschlossen hat. Wer vor dem Schmerz flüchtet, wird von ihm eingeholt. Da helfen auf die Dauer auch keine Pillen, Extremsportarten und der liebe Alkohol. Ich hab’s probiert, ALLES. Es hat mir mehr Leid als Selbstliebe eingebracht.

In Zukunft will ich mein Panzerglas nicht austauschen, wenn es Risse bekommt. Meine lieben und leidvollen inneren Bilder möchte ich mir mehr anschauen. Auch wenn das vielleicht schmerzvoll wird. Schmerz vergeht, wenn man sich ihm hingibt, anstatt vor ihm wegzulaufen, hab ich gelernt. Und ich kann nicht mehr weglaufen, das kostet mich soviel Energie.

Weil ich auch mal ankommen möchte… irgendwo und irgendwann. Und mich auch mal festhalten und festgehalten werden will. Und weil ich unter meiner Hartschale nicht mehr atmen kann. Lieber etwas Schmerz zulassen als hinter meinem Panzerglass zu ersticken.

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