Who is learning from whom? Mein neuer Therapiehund!

Wenn frischgebärende Mütter mir früher unaufgefordert und mit Tränen der Rührung 657 Bilder Ihrer Babies zeigten – die meisten davon echt belanglos zwischen „Babies erstes Windelpupsen“ und „mein Kind auf der Rutsche in der Mac Donalds Spielwiese direkt an der A100“ fand ich das irritierend bis grenzüberschreitend.
Vor 3 Monaten habe ich mir ein Hunde-Baby gekauft. Und ich muss sagen, dass die Begleitung eines Lebewesens in ein neues Leben eine der schönsten, sinn-erfülltesten und „Liebe-vollsten“ Erfahrungen in meinem Leben ist.
Ja, ich habe mir einen Hund zugelegt. Ich habe sie „BLUE“ genannt. Ich liebe Hunde. Ich kann diese Geschöpfe im Gegensatz zu Menschenund Pflanzen stundenlang beobachten, ohne dass mir langweilig wird. Blue rührt mich oft zu Tränen, was mir selbst schon manchmal peinlich ist – wenn Sie versuchte, eine Banane mit Ihren Milchzähnchen zu kauen, oder wenn Sie stolz mein WLAN-Modem hinter mir in Ihre Hunde-Box trägt, in dem Glauben, ich sehe das nicht. Ich weiß nicht, was das ist, wahrscheinlich bin ich vom Vater-Kind-Instinkt infiziert. Alles, was Sie macht, auch Ihre Kackhaufen, finde ich spannend und einen Facebook-Post wert.
Und sie erhellt meine Seele. Ich weiß nicht wirklich, wie sie das hinkriegt, und es ist ja „nur“ ein Hund, aber sie hat sich unbemerkt einen Platz in meinem Herzen ergattert, schneller und intensiver als alle meine Ex-Liebesbeziehungen zusammen.
Vor 5 Minuten ist mein beruflicher Terminkalender vom Tisch gefallen. Ich war unaufmerksam, weil am Telefon. Ich sehe aus dem Augenwinkel, wie Blue meinen Timer in der Mangel hat. Den Mai und Juni hat sie schon verschluckt, also meine aktuellen Termine mit Klienten und Firmen. Ohne mein Terminbuch bin ich ein „toter“ Coach und Therapeut. Ich muss jetzt alle Klienten kontaktieren und fragen, wann wir denn einen Termin haben die kommenden 2 Monate. Das ist megapeinlich. Und nein, ich habe meine Termine nicht online in der Cloud oder sonst wo virtuell. Warum nicht? Weil ich kein besonders strukturierter Mensch bin privat.
Was mich echt wundert: Ich bin nie sauer auf meinen Hund, ich weiß nicht, wie sie das macht. Wahrscheinlich zieht sie dauernd die „Ich-bin-doch-nur-eine-unschuldige-süße-Welpe“-Karte. Und hat damit großen Erfolg.
Es fing alles an im Februar 2018. Und es war keine „Impuls-Entscheidung“. Ich hatte mich nach 5 Jahren hin und her grübeln: „Schaff ich das, einen Hund groß zu ziehen als Single- Mann ohne Garten? Kann ich den Bedürfnissen einen Hundes gerecht werden?“ entschlossen, es einfach zu tun. Denn ich kam nach 5 Jahren hin- und- her -überlegen zu der Erkenntnis: „Ich will nicht noch mit 80 da sitzen und mir die gleiche Frage stellen.“ Also habe ich es einfach getan.
Als Therapeut wollte ich natürlich einen Bello, bzw. eine Bella mit Eignung zum Therapiehund. Bedeutet, das Tier ist angstfrei, geht gerne auf Menschen zu und bleibt auch ruhig, wenn eine Kinderschar mal auf sie „einstreichelt“. Ich habe dann auch eine Züchterin aus Düsseldorf gefunden. Sie meinte, sie hätte da einen Hund, der wäre geeignet. Für nen Tausi. Ein Bobtail.
Ich also hin mit meiner besten Freundin als Beistand. Ich hatte schon auf dem Weg viele Bilder im Kopf, wie meine neue „Hunde-Lebenspartnerin“ mich zum ersten Mal begrüßt: Hund sieht mich, läuft in Slow Motion und wehenden Ohren auf mich zu und schenkt mir den „DU bist mein Traum-Herrchen-Blick“. Mann, ich war schon vorher so gerührt.
Die Realität war etwas anders. Die Züchterin zeigt mir zum ersten Mal den Wurf mit den Welpen, unter denen sich auch „Blue“ befindet, meine zukünftige „Sozial-Partnerin“. Alle anderen Hundebabys aus dem Wurf kommen wedelnd und freudig auf mich zu. Meine „Auserwählte“ Blue gähnt einmal, beachtet mich Null, dreht sich weg und pinkelt. Soviel zum Thema „Liebe auf den ersten Blick“.
Ach, wir kommen mittlerweile gut klar, meinen neue Bobtail-Freundin und ich. Mal abgesehen von angeknabberten Löchern in meinem Parkett und Kacki-Häufchen im Flur. Neulich stelle ich meinen Roboter-Staubsauger an, bevor ich mit Blue Gassi gehe. Ich komme zurück und sehe braune Spuren durch die ganze Wohnung gezogen, es stinkt, wie die Hölle.
Der Staubsauger hatte einen von Blue heimlich in die Ecke gepupsten Hundehaufen erwischt. Und zog diesen nun durch die ganze Wohnung. Für eine Millisekunde möchte ich Hund samt Staubsauger dem Züchter vor die Tür stellen mit einem Post-it auf der Hundenase: Rücksendung, weil inkompatibel und für den vorgesehenen Einsatz (Kuscheln und Herrchen keinen Ärger machen) ungeeignet. Aber sie ist jetzt mein Baby und Welpen dürfen das.
Auch die erste Stunde Doggy-Training in der Hundeschule war eher ernüchternd für mich: Ich beschwere mich sofort über die Unaufmerksamkeit meines Hunde- Babys mir gegenüber. Blue wirkt oft unkonzentriert und schaut mich nur an, wenn ich mir ein Leckerli direkt auf die Stirn klebe. Was man so alles macht, um die Aufmerksamkeit seines „Hunde-Sozial Partners“ zu wecken…
Als Therapeut vermute ich natürlich ein „Hunde-ADHS“ und sehe mich schon im Geiste mit der großen „Ritalin- oder- nicht- Frage“ überfordert.
Steffi, meine Hundetrainerin reagiert verhalten auf meine Hundekritik. Sie nimmt mir Blues Leine aus der Hand. Spricht Sie einmal an und schaut ihr in die Augen.
Blue folgt Ihr daraufhin 2 Minuten, ohne meine Trainerin nur einmal aus den Augen zu lassen. Konzentration 100 Prozent, soviel schaffe ich nicht mal an meinen besten Tagen. Dann startet sie ihr „um den heißen Brei“ Statements. Ich sage zur Trainerin : „ Steffi, raus mit der Sprache, was mache ich falsch?“
Steffi: „D bist unkonzentriert, bist nur im Außen, und denkst an tausend andere Sachen, wenn Du mit Blue Zeit verbringst. Dein Hund spiegelt Dir nur Deine eigene Unachtsamkeit. Ich bin gekränkt in meinem Hundedaddy-Stolz, aber Steffi hat recht.

Und draußen beim Pipi –Spaziergang (Blue, nicht ich) bemerke ich mein allgegenwärtiges „alles ist so kompliziert, ich muss das zum 100 mal in meinem Gehirn durchkauen“-Muser. Allerdings bemerke ich immer wieder dieselben Gedanken im Kopf: „Mache ich alles richtig? Bin ich ein guter, alleinerziehender Hunde-Vater für Blue, oder würde sie, wenn Sie könnte, nicht lieber zum Nachbarn ziehen? Der hat viel mehr Zeit für Sie und ist immer ausgeglichen?“
Ich frage meine Gestalt-Therapie-Ausbilderin Bärbel – dort nehme ich im Rahmen meiner Fortbildung Einzelstunden.
Bärbel bittet mich, während unserer Therapie-Stunde die Augen zu schließen und mir vorzustellen, dass ich meinen Hund anschaue. Einfach nur anschauen. Nichts tun, nichts denken.
„Schaue Deinem Hund in die Augen. Was siehst Du“? fragt sie. Ich fang sofort an zu heulen, weiß nicht warum. Erst nach 10 Minuten wage ich einen imaginären Blick in die Augen meines Hundes. Ich hab Angst, dass Blues Hundeblick mir zeigt, dass sie mich vielleicht nicht mag oder dass ich kein gutes Herrchen bin.
Doch Blue schaut mich an, und ich spüre bedingungslose Liebe und Akzeptanz in Ihrem Blick.
Mein Hund scheint mich nicht zu bewerten. Sie hat im Gegensatz zu uns Menschen keine „verurteilenden“ Gedanken“. „Mein Herrchen Jörg ist doof, oft nicht da und überhaupt ist der manchmal ganz schön gestresst. Der ist oft kurz vor dem Burnout, und wenn der so weiter macht, gehe ich lieber ins Hundeheim, da krieg ich wenigstens um Punkt 8 mein Fressen…“
Ich fange an wahrzunehmen, dass all diese Gedanken meinem problemgeplagten Hirn entspringen.
In meinem inneren Bild schaut Blue mich an, freudig, weil sie weiß, wir gehen jetzt raus in die Natur, und wenn sie Glück hat, bekommt sie nachher wieder einen tollen Stinke-Pansen-Knochen von Herrchen.
Klar zickt sie manchmal rum, wenn ich im Stress bin. Aber mein Hund stellt mich nicht in Frage, das sehe ich in ihrem Blick. Ich bin ihr Herrchen. Nothing to add.
Ich bin ihr nie zu viel, zu wenig, zu dies und das und sonst was. Diese Gedanken entspringen meinen manchaml neurotischen Glaubenssätzen.
Ja, sie reagiert auf mich, wenn ich mal wieder grübele und Ihr nicht genug Aufmerksamkeit schenke. Sie zwickt mich dann ins Bein, um mich ins Hier und Jetzt zurückzuholen.
Aber sie hält dann nicht, wie Menschen es gerne tun, nach einem neuen Herrchen Ausschau oder macht eine innere „Kosten-Nutzen Rechnung“.
Es berührt mich, dass ich mit einem Lebewesen mein Leben teile, dass mich nicht dauernd in Frage stellt, mehr vor mir verlangt und mir verachtende Blicke zuwirft, wenn ich das und das nicht getan habe. Und das Blue es richtig cool findet, wenn ich es nicht geschafft habe, zu Hause aufzuräumen, denn da gibt es immer was Tolles für sie (meist meine Unterhosen oder meinen Dozenten-Plan für nächste Woche), was sie stolz erhaschen kann, um darauf rumzukauen. Gerne auch meine Ohropax, die für sie einfach „coole“ Kaugummis sind.
Auf dem Weg nach Hause bin ich irgendwie beruhigt und entspannt.
Ich will meinem Hund natürlich jetzt sofort tief in die Augen schauen, damit wir beide unsere wertfreie Liebe spüren und so.
Ich öffne die Tür, da steht Blue. Ich schaue sie liebevoll mit einigen Tränen der Rührung an. Sie gähnt, dreht sich um und kackt in meinen Flur. Naja, Hundeliebe eben….

 

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