Irre, wir behandeln die Falschen

von Jörg Wellenkötter (Dozent für die Coach-Ausbildung „Systemisch Integrativer Coach“) www.derkrisenberater

Ein Buchtitel des Autors Manfred Lütz, dessen Buch mir heute Morgen in die Hände fiel. Was ich bestätigen kann: die meisten meiner Klienten sind nicht wirklich krank. Sie sind erschreckend normal, und ihre Krisen sind zutiefst menschlich. Und sie berühren mich, weil auch ich das kenne.

Nur der Glaube an sich selbst ist irgendwo auf der Reise verloren gegangen bzw. wurde nicht durch liebevolle Eltern „installiert“. Das ist oft traurig und rührt mich, aber ich denke, Kindheiten sind nicht dafür angelegt, nur glücklich zu sein. Ein Anspruch , an dem viele junge Mütter und Väter meist schon in den ersten Jahren verzweifeln und der sie mit ihren ahnungslosen Kindern in sinnlose, teure Kurse („Mein Kind kann nicht greifen“, „Mein Kind hat als erstes NEIN gesagt, anstatt Mama“) treibt.

Oft hakt es an tief verankerten Glaubenssätzen, die uns das aktuelle Leben zur Hölle machen.

Ein Glaubenssatz ist der sprachliche Ausdruck von etwas, an das jemand glaubt, was jemand für wahr hält. Glaubenssätze sind ein Ausdruck innerer Modelle, die jede Person fortlaufend entwirft und andauernd entwerfen muss, um sich in der Welt zu orientieren. Andere Begriffe hierfür sind: Überzeugungen, Einstellungen, Belief, Meinungen.
Die meisten unserer Glaubenssätze entstehen in unserer Kindheit und werden durch unsere Eltern übertragen. Im Kindesalter können wir diese nicht in Frage stellen und übernehmen sie in unser Leben. Das können positive Sätze sein: „Das Leben ist schön (von der Mutter)“, „Du bist geliebt (von der Oma)“, aber leider auch negative: „Nur wenn Du leistest, bist Du gut“, „ Aus Dir wird nie was“. Letztere können einem das Leben zu Hölle machen.

Mein schwerster Glaubenssatz war „Du kannst das nicht“. Und noch heute, wenn etwas neues Unbekanntes auch mich zukommt, geht der Kopf-Film wieder los. „Das kriegst Du nicht hin, das kannst Du nicht“. Selbst wenn die Aufgaben einfach sind und ich bereits weiß, dass ich das kann.

Ich habe lange gebraucht, diesen Satz umzuformulieren, wir Therapeuten nennen das auch „Refraimen“. Gib dem alten Scheiß einen neuen, positiven Rahmen. Heute heißt mein Satz nicht mehr: „Ich kann das nicht, sondern „Ich versuch das jetzt mal“.
Auch erlebe ich (ich bin kein politischer Mensch) diese Sätze auch bei Präsidenten. „Schlag zu, bevor man Dich schlägt“, „Ich muss alles kontrollieren, sonst verliere ich“, oder „Frauen sind minderwertig und haben nichts zu sagen“ werden als politische Regeln oder Gesetzte verankert von Menschen, die diese Sätze schon früh verinnerlicht haben und jetzt unbewusst an ganze Völker weitergeben, mit desaströsen Folgen für die Menschen, die dadurch „beherrscht“ werden.
Und was mache ich jetzt damit?

Eins sollten Sie wissen: Sie können nichts für Ihre Glaubenssätze. Schämen Sie sich nicht. Aber Sie können diese Sätze erst einmal beobachten, wenn Sie da sind. Achtsamkeit des Geistes hilft. Erst mal wahrnehmen: „Ah, das ist er wieder dieser Satz in mir: Ich werde das nie schaffen“. Indem der Satz aus dem unbewussten Denken, wir nennen es Autopilot, ins Bewusstsein erlangt, kann er bearbeitet werden.

Sie können jetzt entscheiden. Handle ich nach diesem Glaubenssatz (der mich dann wahrscheinlich direkt in die Vermeidung schickt), oder probiere ich mal was Neues aus und wage mich in eine neue Erfahrung. Das kostet Mut, jeden von uns. Und es muss ja nicht jedes Mal klappen. Jedes vierte Mal ist auch schon viel.

 

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