Und wie geht’s Ihnen so währen des Coachings / Therapie?

Och danke, dass mal jemand fragt:
Kommt drauf an: Langweilig wird´s eigentlich nie. Ach doch, ich hatte einen Ingenieur im Karriere-Coaching, der seinen Job aufgrund einer Krankheit nicht mehr ausüben konnte. Über Stunden hinweg erklärte er mir das gesamte Innenleben seines Aquariums. Ich habe das zugelassen, weil er sehr, sehr einsam war.

Welcher Fisch zu wem passte oder wer sich gerade im Flossenkrieg befand. Wussten Sie, dass Fische trinken müssen? Und wussten Sie, dass auch Fische schlafen? Und das Süsslippenfische miteinander kommunizieren, in dem Sie ihre Zähne aufeinander reiben? Ich lerne immer was dazu.

Schwieriger wird es, wenn auch ich von dem Problem meiner Klienten betroffen bin. Ich bin darin geschult, keine Introjekt-Übertragung zuzulassen. Also, dass ich mir das nicht reinziehe, was Patienten erleben und umgekehrt aufpasse, dass ich meinen Klienten keinen Hut überstülpe, der Ihnen gar nicht passt, weil ich mal wieder gerade einen Anfall von Allwissenheit fahre.

Aber auch das klappt nicht immer. Ich bin sehr schnell gerührt von den Themen meiner Klienten und Patienten in der Therapie. Und ich spiegele diese Rührung, weil ich erlebe, dass das Heilung bringt für meine Gegenüber.

Ein aus Syrien geflüchteter Klient berichtet mir, dass er bei der Überfahrt mit dem Boot in die Türkei vom Schiff gestoßen wurde. Mit Ihm zwei Frauen mit Babies. Über Nacht musste er mit anhören und mit ansehen, wie beide Mütter mit Babies ertranken. Ich darf das leider nicht behandeln, da ich kein Trauma-Therapeut bin. Aber wir haben zusammen geweint. Ich als erster, dann er. Ich erkläre, dass mich seine Geschichte sehr rührt und dass ich seine Traurigkeit und Not sehe und spüre. Zwei Wochen später kam er zu mir und hat sich bedankt, dass er seine Not teilen durfte. Das war eine kleine Erlösung ihn.

Aber auch meine zivilisationsgeschädigten Berliner Klienten berühren mein Herz. Mit Hanne, einer fünfzigjährigen, alleinstehenden Mutter aus Berlin Britz quäle ich mich über Wochen. Sie möchte wieder Tango-Tanzen gehen abends, aber kriegt das nicht auf die Reihe. Und sie ist bereits eine sehr gute Tänzerin, weil sie jahrelang praktiziert hat. Ich schiebe Sie von einem NLP Tool ins nächste, Genogramm, Zeit und Smart-Matrix, und bin leicht genervt. Dann plötzlich hält sie inne vor einem Schritt (ich bitte sie, einen Schritt in Ihre Zukunft zu gehen) und sie bemerkt leise: Herr Wellenkötter, ich fühle mich zu alt. Ich habe Angst, dass die Jüngeren mich auslachen und das ich nicht mehr mitkomme.“ Wir beide halten inne. Ich weiß, dass meine bekloppten Coaching Sätze wie: „Mensch, Sie haben doch noch so einen sexy Arsch und wirken wie dreißig“ keine Chance bei ihr haben.

Ich bemerke, dass ich für Ihre Angst sehr viel Verständnis habe und dass auch ich diese Gefühle sehr gut kenne (versuchen Sie mal, mit Mitte 40 in einen schwulen Club zu kommen). Ich lasse Raum für ein Schluchzen und Tränen. Und ich renne nicht typisch therapeutisch durch die Gegend, um ihr ein Taschentuch zu bringen. Es darf auch mal laufen, auch auf die Bluse oder den Boden. Ich spiegele, dass ich diese Angst sehr menschlich und normal finde. In einer Welt dort draußen, wo insbesondere Frauen und Schwule ab 40 erst mal doof angeguckt werden, wenn Sie nach 23 Uhr vor die Tür gehen. Ich übertreibe, aber der Admin meines schwulen Chatprogramms hat mir neulich erzählt, dass 89 Prozent aller Schwulen mich aus Ihren Suchmasken ausblenden, weil ich über 40 bin. Ich tauche da gar nicht mehr auf. Schöne alters-diskriminierende Welt.
Warum ich mich berührbar mache für meine Klienten? Nun, weil mein großes Vorbild Irvin D. Yalom*, einer der bedeutendsten amerikanischen Psychoanalytiker, mit großem Erfolg so behandelt. Und weil ich auch danach besser loslassen kann, wenn ich das Leid meiner Patienten mit teile, anstatt es einfach verbal und geistig zu ignorieren. Dafür sind mir meine Patienten zu wichtig. Und nein, mein Mitgefühl kostet mich nicht so viel Kraft, wie Sie denken. Das Gegenteil ist eher der Fall.

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